Was der Sporn am Gurt wirklich tut
Ich habe es von einem Westernreiter gelernt. Das Knie nach außen drehen, den Sporn weit vorne an den Gurt bringen — und das Pferd hebt den Rumpf, die Brust kommt rauf, hinten tritt es unter, alles fließt plötzlich von hinten nach vorne durch. Nach 10 Jahren reiten. Vorher hat mir das niemand erklärt. Und ich kenne auch kaum einen der das benutzt.
Ich dachte erst, das wäre ein Western-Ding. Aber dann dämmerte es mir, dass ich das auch in der klassisch-barocken Arbeit und bei (wenigen) Dressur-Reitern schon gesehen habe.
Das nach außen Drehen des Knies und damit nach innen Drehen des Sporens hat einen Namen, der seit fast 200 Jahren in der klassischen Reiterei bekannt ist: effet d’ensemble.

François Baucher — französischer Reitmeister, 19. Jahrhundert, Zirkus und Haute École — hat das als eigene Hilfe systematisch beschrieben und benannt. Die Sporen werden dabei so weit vorne wie möglich eingesetzt, unmittelbar hinter dem Gurt. Bei einem gut ausgebildeten Paar reicht dazu die bloße Schenkeldrehung, die die Spore an das Pferd bringt — das Pferd kennt das Signal und versammelt sich, bevor der Sporen zum Einsatz kommt. Im nächsten Schritt fängt das Pferd an, auf den Sitz zu reagieren und sogar schon das Drehen des Schenkels durch ein Anspannen des Kreuzes zu antizipieren.
Was anatomisch passiert
Der Bereich hinter dem Gurt ist kein zufällig gewählter Punkt. Dort liegt der Ansatz des Musculus serratus ventralis — der Muskel, der den Rumpf zwischen die Schulterblätter hebt. Wird er angesprochen, hebt sich der Widerrist, die Schulter wird freier, der Rücken wölbt sich auf. Das Pferd kann erst dann wirklich über den Rücken gehen. Vorher nicht.
Das bedeutet: Wer das Pferd über den Rücken reiten will, muss zuerst den Rumpf anheben. Und dafür braucht man eine Hilfe, die genau dort hinkommt.
Gurt vs. Flanke — Bauchers technische Unterscheidung
Baucher hat noch etwas Präziseres beschrieben: Es gibt zwei verschiedene Sporenorte für zwei verschiedene Ziele.
Am Gurt, mit konstantem Druck: versammelnd, balancierend, Rumpf heben — das ist der effet d’ensemble.
Weiter hinten in Richtung Flanke, intermittierend: tiefer, Hinterhand stärker belasten, Hinterbeine weiter untertreten lassen — das ist der rassembler, ein Schritt weiter.
Zwei Orte. Zwei Wirkungen. Kein Zufall.
Und die Knie-Außenrotation?
Das Knie nach außen zu drehen, um die Spore an den Gurt zu bringen, verändert den Sitz. Ich nenne das „Froschschenkel“, kann man sich einfacher merken. Das Risiko dabei: die Gesäßmuskulatur aktiviert sich, das Hüftgelenk sperrt — und damit blockiert man genau den Rücken, den man gerade öffnen wollte.
Die Lösung ist, das Hüftgelenk bewusst offen zu halten. Gesäß weich, Hüfte beweglich, Becken leicht vor — dann funktioniert die Rotation des Knies als präzises Instrument, nicht als Störung.
Das klingt einfach. Es ist auch einfach. Aber es muss geübt werden, bis es sitzt. Es hilft mit dem Becken sehr viel stärker als man denkt mit zu gehen und dabei die Schultern hinten zu lassen – das fühlt sich anfangs ein wenig wie ein rhytmischer Liegesitz an, vorallem im Galopp.
Was das mit Working Equitation zu tun hat?
Working Equitation verlangt ein Pferd, das durchlässig, rückenaktiv und aus der Hinterhand arbeitet — bei einem engen Tor, einem Slalom, einem Galoppwechsel auf engem Raum ist das unerlässlich. Ein Pferd, das auf der Vorhand hängt und den Rücken nicht benutzt, wird in der Working Equitation nicht manövrierfähig sein.
Der Sporn am Gurt ist kein Hohe Dressur-Luxus. Er ist ein Werkzeug, das die klassische Reitkunst präzise beschrieben hat — und das im Trail und bei der Rinderarbeit genauso relevant ist wie in Piaffe und Passage oder bei trageerschöpften Pferden, die physiotherapeutisch gearbeitet werden müssen um überhaupt erstmal Bauchmuskulatur zu entwickeln und aus ihrer „durchhängenden“ Symptomatik herauszukommen.

Bei vielen Reitern sind Sporen verpönt und gelten als Waffe – sie werden behandelt wie schwarze Magie – effektiv aber Sünde. Dabei ist – bei korrektem Einsatz – das absolute Gegenteil der Fall. Der Sporen ist das wirkungsvollste Mittel, um das Pferd „aus der Hängematte heraus“ in eine aufgewölbte, den Rumpf anhebende Position zu bringen – nur dann ist gesundes reiten „über den Rücken“ möglich. Da der Sporen von unten punktuell bestimmte Punkte triggern und damit eine anhebende Hilfe geben kann – was alle anderen Hilfen nicht können – ist er von besonderem Wert und ein unverzichtbares Mittel, eher ein Zeigestock, ein „Kitzelfinger“ oder eine Faszienrolle als eine Waffe. Zur Waffe werden Sporen nur, wenn sie gewaltvoll als solche eingesetzt werden.
Geht das nicht auch ohne Sporen?
Ja, Rücken anheben geht auch ohne Sporen. Aber da Schenkel und Gerte oftmals nicht dazu in der Lage sind, die richtigen Stellen zu erreichen, bzw. in der richtigen Art und Weise (wie ein kitzelnder Zeigefinger oder eine Faszienrolle von unten nach oben) einzuwirken, ist es ein großer Nachteil. Ohne Sporen das Verständnis fürs Anheben des Rumpfes und des „gehens über den Rücken“ zu erklären, ohne sich den Sitz kaputt zu machen oder das Pferd aus dem Takt zu bringen ist extrem schwer und bei Pferden, die sich sperren, hat der Reiter letztendlich keine nebenwirkungsfreie Hilfe mehr. Der Einsatz der Gerte findet meist zu weit hinten (auf dem Po statt direkt hinter der Wade) statt, außerdem verreißt das energische Schnippen, dass nötig ist, damit die Gerte sich um das Bein biegt, den Zügel, oft wird in der Hektik zu stark geschnippt oder die Gerten sind zu hart, weshalb sie sich garnicht genug biegen können. Der korrekte Einsatz der Gerte ist sehr viel schwieriger als viele Reiter glauben. Besonders wenn die Gerte (wie nach HDV12 und von Steinbrecht empfohlen) außen getragen wird, ist es als durchschnittlicher Reiter fast unmöglich, beim Einsatz der Gerte nicht im Maul zu rucken – was absolut kontraproduktiv und widersprüchlich ist.
Hinzu kommt, dass die Gerte anders wirkt als der Sporen – der „bohrt“ oder „kitzelt“ eher, die Gerte schnippt, zischt, wackelt im Rhytmus – ein eher zackiger impuls, während der Sporen auch mit gleichbleibendem Druck, verwahrend, mit doppelten Impulsen, rollend (mit Rädchen) etc. bedient werden kann, was viel mehr Information enthält.
Wird die Gerte immer innen getragen, wie es beispielsweise Baucher und Philipe Karl handhab(t)en, muss oft die Gertenhand gewechselt werden – auch das verreist wieder die Zügel und bringt Unruhe in den Reitersitz.
Selbstverständlich sollten nur Reiter mit Sporen reiten, die ein ruhiges Bein haben und das Pferd nicht versehentlich traktieren. Und Pferde sollten genau erklärt bekommen, was der Sporen bedeutet – erstmal im stehen, dann im Schritt, dann im Trab, usw.

Der Einsatz von Sporen sollte von einer kompetenten Person beigebracht werden – und genau da fängt das Problem für viele Reiter an. Besonders im Freizeitreiter-Bereich wird diese Hilfe großteils nicht gelehrt, eher wird mit der Gerte an den falschen Stellen rumgeschnippt, was die meisten Pferde gleichermaßen nervös und stumpf macht. Mag schon sein, dass der ein oder die Andere den Sporen am Gurt als Hilfe verwendet – und sicher gibt es auch klassische Reiter, der die den Sporen so nutzen. Aber es wird nicht leicht sein, jemanden zu finden, der sie auch lehrt. Auch Rückwärtsrichten ist meist eher ein „am Zügel ziehen“ als ein Pferd, dass sich aktiv über die Rückhand „zurückschiebt“.
Meine Vermutung ist, dass viele Trainer den Einsatz von Sporen nicht lehren, weil ihm bedauernswerter Weise ein Geschmäckle der Tierquälerei anhaftet. Nichts könnte falscher sein. Viele Reiter wären viel Weiter und Pferde gesünder, wenn der Einsatz des Sporens ordentlich gelehrt würde.
Baucher beschreibt im Wesentlichen den Einsatz des Sporens in zwei Positionen: am Gurt und mit zurückgelegtem Bein. Oft kombiniert mit einer nach oben einwirkenden inneren Hand, welche das Pferd veranlasst, das Gewicht von der inneren Schulter mehr auf die äußere Schulter zu bringen. Auch das Rückwärtsrichten findet maßgeblich über „Froschschenkel“ und Sporen am Gurt statt – was dem Pferd ein ausgezeichnetes, aktives Rückwärts lehrt.
Wenn du mehr darüber und über die Abstimmung mit anderen Hilfen lernen möchtest, melde dich gern.